Haben und Haben wollen – Konsumerziehung

Konsumerziehung, echt jetzt? Dabei geht es mir gar nicht um die große pädagogische Abhandlung. Aber im Alltag bin ich letztens ein paar mal über das Thema gestolpert.

Drei Szenen, die mich über Konsumerziehung nachdenken ließen

Haben wollen – die Einkaufsszene

Letztens habe ich wieder einmal so eine Situation erlebt, die ihr vermutlich alle kennt: Ein Mann beim Einkaufen, leicht gestresst wirkend, und dann bei der Kassa beginnt die theatralische Szene. Kind möchte etwas haben, Erwachsener lehnt ab, Kind protestiert lautstark, wirft sich auf den Boden, schreit, tritt mit den Füßen. Mitleidige Blicke, genervte Blicke, strenge Blicke von Zuschauer_innen. Irgendwie hat es der Mann geschafft, ruhig und zugewandt zu bleiben. Das Kind hat sich beruhigt, ließ sich ohne die gewünschte Süßigkeit aus dem Geschäft führen.

Ich kann mich noch so gut an ähnliche Szenen mit meiner Tochter erinnern: an meinen Respekt vor den intensiven Gefühlen, den Schweiß, der mir ausbrach, wenn gutes Zureden meinerseits das Toben ihrerseits nicht beenden konnte, die Hilflosigkeit und dann der Ärger, dass dieser Gefühlsausbruch nicht enden will. Einfach nachzugeben und das Gewünschte zu kaufen, hat sich da eindeutig als Alternative angeboten, die an manchen Tagen den Hausfrieden retten konnte. Aber können kleine Kinder solche Ausnahmen verstehen oder unterstützt man so den Kampf ums Haben wollen? Oder ist das Haben wollen und lautstarke für die eigenen Wünsche kämpfen vielleicht sogar etwas, das man im Kern unterstützen und nur in sozialverträglicheres Verhalten modellieren sollte?

Konsumverführung durch Preisnachlass

Eine andere Szene: Ein Socken ist nach der langen Wanderung an der Ferse so kaputt, dass mir keine Reparatur mehr möglich ist. Auf der Suche nach Socken laufe ich an unzähligen 5-er Packs im Angebot vorbei. Ich erinnere mich an einen Geburtstag, als sich meine Tochter eine Barbie wünschte und von ihrer Tante eine Schneewittchen-Barbie inklusive sieben Zwerge bekam. In einer kleinen Wohnung erschienen mir die sieben kleinen Staubfänger mehr (Aufräum-)Last als Spieleglück zu versprechen. Aber wenn mehr zu wählen billiger erscheint und es vielleicht auch um ein Geschenk für ein Kind geht, dann ist die Entscheidung nicht mehr so einfach. Wann ist viel auch gut und sinnvoll?

Über Geld reden – bringt Leute zusammen

Sich über Geld jenseits der Allgemeinplätze zu unterhalten, ist in Österreich nicht so üblich und die Frage nach dem Gehalt für manche schon ein Eingriff in die Intimsphäre. Dabei kann so ein offenes Gespräch sehr erhellend sein. Kürzlich hatten wir unter Freund_innen so ein Gespräch, bei dem es um den Umgang mit Geld und Konsumerziehung ging – noch ein Szene.

Ausgehend waren Fragen zum Taschengeld und über die Höhe des Unterhalts für studierende Kinder. So kamen wir recht schnell auf den eigenen, zum Teil recht unterschiedlichen Umgang mit Geld.
Die eine Freundin, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat trotz Alleinerzieherinnendasein und Teilzeitgehalt immer Geld auf der hohen Kante. Die andere gibt ihr Geld mit vollen Händen aus, genießt das Leben und wird dabei das Gefühl nicht los, versagt zu haben, weil sie keine eigene Eigentumswohnung hat und daher in den Augen ihrer Herkunftsfamilie nicht mit Geld umgehen kann.
Eine andere Freundin erzählt, wie schwer es ihr fällt, ihr Geld zusammenzuhalten. Obwohl sie gut verdient, gibt es oft ein Minus auf ihrem Konto und sie hat einfach keine Ahnung, wo das Geld hinkam. Auch sie ist als Tochter von Kleinbauern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sie erzählt von dramatischen Geldentwertungserlebnissen ihrer Vorfahren, die in der Familie präsent im Hintergrund waren.
Eine andere Freundin, ebenfalls Alleinerzieherin, berichtet überrascht, wie ihr eine Last von den Schultern gefallen sei, als ihr erwachsener Sohn eine unvermutete Erbschaft bekam. Diese existentielle Sorge, die sie über so viele Jahre begleitet hat, war ihr gar nicht mehr bewusst.

Geld und Klasse

Und vielleicht ist es bezeichnend, dass ich hier nur von Menschen schreibe, die sich wenig Gedanken über Geldanlage machen müssen. Der Umgang mit Geld ist wichtig gleichzeitig ist viel davon gelernt. Dass auch Geldanlage ein Thema von Bildung sein sollte, wurde mir anhand von ein paar Büchern bewusst (siehe unten). Denn wie wir mit Geld umgehen, wofür wir es ausgeben und was uns erstrebenswert erscheint, das hat viel mit Klassenhintergrund zu tun.

Konsumerziehung, ein Abwägen von Möglichkeiten

Mir erscheint, das verbindende bei diesen Szenen ist das Abwägen von Wünschen. Das Hinterfragen von schnellen, und einfachen Lösungen und das Finden des eigenen Standpunktes inmitten vieler Möglichkeiten. Das ist dann wohl auch Konsumerziehung. Das, was man an Kinder weitergibt: Wie wir zu Konsum stehen und was wir als wichtig, notwendig und überflüssig betrachten.

Wie seht ihr das?

Brig
Fotos (c) Brigitte Vogt

Bücher:
Didiers Eribon (2016): Rückkehr nach Reims. Suhrkamp.
bell hooks (2000): Where We Stand: Class Matters. New York: Routledge. (Dt: Die Bedeutung von Klasse, Unrast Verlag, 2020)
J.D. Vane (2017): Hillbilly-Elegie. Ullstein.
Undine Zimmer (2014): Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz IV Familie. Fischer.

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