Gedenken – ein paar Gedankensplitter

Gedenken – das klingt als Wort ja schon ziemlich sperrig. Dabei kommen mir Bilder von kalten Novembertagen am Grab meiner Oma in den Sinn. Das klassische Totengedenken eben, das ich als Kind trotzdem geliebt habe, weil oft Besuch kam, es eine abwechslungsreiche Messe war und mir dieses Ritual gefiel. Nachher schmeckte das Essen immer so gut, war ja auch eine kleine Feier. Doch im vergangen Jahr habe ich Gedenken noch von einer anderen Seite kennengelernt, als meine Tochter ein Jahr in der Gedenkstätte KZ-Sachsenhausen Gedenkdienst leistete.

Wenn Schule Wege des Gedenkens findet

Den Weg zum Gedenkdienst bahnte ein Seminar, eine Art Wahlfach, das sich mit der Geschichte ihrer Schule während der NS-Zeit auseinander setzte. In diesem Kontext lernte sie nicht nur das Archiv kennen und viel über ihre Schule und die jüdische Geschichte Wiens. Besonders beeindruckend fand meine Tochter, dass es die Möglichkeit gab, mit der jüdischen Community in Kontakt zu treten, auch Zeitzeug_innen kennenzulernen. Dies war sicher ein besonderes Verdienst der Lehrkraft, die die jungen Menschen auch außerhalb des Unterrichts zu Feiern mitnahm.

Schon in der Unterstufe hatte die Schule eine Exkursion nach Mauthausen organisiert, die es vorzubereiten und auch nachher zu besprechen galt. Keine einfache Sache finde ich und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mich aufmerksam bei meinen Kindern erkundigte, wie die Vorbereitung aussah und auch nachher das Gespräch mit ihnen suchte. Orte aufzusuchen, an denen unvorstellbar Schreckliches stattfand ist keine einfache Sache. An solchen Orten ein Jahr zu verbringen, in die Geschichte dort einzutauchen und sich damit auseinanderzusetzten, ist keine leichte Kost. Wozu also?

Denkmal für die ermordeten Juden Europas: Holocaust-Mahnmal, in der historischen Mitte Berlins (c) Brigitte Vogt

Warum Gedenken ermöglichen und nicht die Geschichte ruhen lassen

Ich bin ein Fan von Zusammenhängen und da spielt Geschichte und Verortung eine wesentliche Rolle. Meine Tochter hat mir erklärt, dass Gedenken im Jüdischen Glauben ganz besonders wichtig ist. Vor ein paar Jahren hat die Tochter einer Freundin mit ihrer Schulkasse am Projekt “Schreiben gegen das Vergessen” teilgenommen. Dabei haben sie mit Kreide 66.000 Namen österreichischer Todesopfer der Shoah in der Prater Hauptallee auf die Straße geschrieben. Sichtbar machen, erinnern, Zeuge sein, darum geht es beim Gedenken. In der Genozid-Forschung ist man sich einig, dass dieses Erinnern wichtig ist, dass es eine Form der Zeugenschaft ist, die nicht mit Schuld verwechselt werden sollte. Wenn ein Volk ausgelöscht werden soll, dann wird diese Zeugenschaft so unglaublich wichtig. Auch wichtig um sensibel zu bleiben, um gemeinsam an diesem “Nie wieder” zu arbeiten. Auch wenn dieses “Nie wieder” leider doch immer wieder an unterschiedlichen Orten – Ruanda, Armenien – neu gefunden werden muss. Wie das Lehrkräften gelingen kann dafür gibt es gut aufgearbeitetes Material. erinnern.at bietet z. B. heute am 9.11.21 von 16:00-17:30 ein Webinar für Lehrpersonen an. Dort präsentieren sie auch die deutschsprachige Witness-Page: «LEBENSGESCHICHTEN – Zeitzeugnisse von Genoziden». Eine andere Form der Annäherung bieten Kinderbücher.

Gedenken anhand von Kinderbüchern

Kinderbücher können behutsam in Themen einführen. Manche Menschen haben ja auch nicht die Wahl, ob sie sich damit auseinandersetzen wollen. Da es zu ihrer Familiengeschichte gehört, müssen sie Wege finden, auch mit Kindern darüber zu reden. Hier sind ein paar Bücher, die dieses schwierige Thema aufgreifen:

Anne Frank: Little People, Big Dreams. Deutsche Ausgabe (ab 4 J.)
María Isabel Sánchez Vegara, Sveta Dorosheva, Svenja Becker, Insel Verlag

Anne Frank: Little People, Big Dreams. Deutsche Ausgabe (ab 4 J.) Insel Verlag

Ich mag die Buchreihe Little People, Big Dreams wirklich gerne und auch die Ausgabe über Anne Frank ist wirklich gelungen. Annes Traum war es, Schriftstellerin zu werden. Der Bogen wird gespannt vom Familienleben vor der NS Zeit, über das Versteck. Es endet aber nicht mit der Deportation sondern damit dass der Vater, der überlebt hat, das Tagebuch findet und es veröffentlicht wird. Was mir an diesem Buch so gut gefällt ist, dass es irgendwie eine kindliche Leichtigkeit einfängt und darzustellen vermag, auch wenn die dunklen Vögel mehr werden. Klar wird dabei euch einiges ausgespart. Die zarten Bilder sind sehr aussagekräftig und wirklich schön. Überhaupt bin ich beeindruck davon, wie behutsam hier an das Thema herangegangen wird um es schon für kleine Kinder aufzubereiten. So wird z. B. das Konzentrationslager als der “schlimmste Ort auf Erden” bezeichnet, den man nur von Ferne sieht. Auf den letzten beiden Seiten sind Fotos der Familie Frank zu sehen sowie eine kurze Zusammenfassung deren Geschichte. Leider ist dort einmal das Geburtsdatum falsch angegeben. Falls man es einem Kind vorliest, dass alles ganz genau wissen will, sollte man sich wohl ein paar Antworten im Vorfeld überlegen.

Peter in Gefahr. Mut und Hoffnung im Zweiten Weltkrieg. Helen Bate (ab 7 J.) MORITZ VERLAG

Peter in Gefahr. Mut und Hoffnung im Zweiten Weltkrieg. Helen Bate (ab 7 J.) MORITZ VERLAG

Dieses Buch ist als Graphic Novel gestaltet, mit schlichten, aber aussagekräftigen Bildern und kurzen Texten. Es handelt vom jüdischen Kind Peter, der in Budapest während dem Weltkrieg aufwächst. Er und seine Familie überleben den Krieg nur, weil sie sich verstecken, immer wieder und zum Teil auch getrennt. Es ist kein leichtes Thema, das hier aufbereitet wird, doch es geschieht behutsam. Konsequent wird aus der kindlichen Sicht erzählt, die Spiel und Freude auch dort noch wahrnimmt, wo rings herum alles im Chaos versunken ist. Auf den letzten Seiten könnt ihr einen Überblick über den Holocaust in Ungarn nachlesen. Auch lernt ihr Peter und seine Familie kennen, der mittlerweile in Österreich lebt. Ein dichtes und sehr wertvolles Buch, das die Erlebnisse eines kindlichen Zeitzeugen weitergibt.

Lienekes Hefte. Jacob van der Hoeden (ab 7 J.) Jacoby & Stuart Verlag

Lienekes Hefte. Jacob van der Hoeden (ab 7 J.) Jacoby & Stuart Verlag

Lieneke ist sechs Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg nach Holland kommt. Zwei Jahre später muss sich Lienekes Familie verstecken. Alle nehmen sie neue Identitäten an und kommen bei verschiedenen Freunden unter. Es ist zu gefährlich als komplette Familie unterzutauchen. Lienekes Vater ist im Widerstand und kommt nur sporadisch zu Besuch. Zuerst ist sie noch mit ihrer Schwester zusammen, aber schon bald kommt sie alleine zu einer Familie. Dort ist sie komplett abgeschnitten von allen Informationen zu ihrer Familie. Bis eines Tages ein kleines Heft zu ihr kommt. Darin schickt ihr Vater Zeichnungen und kleine Geschichten. Diese sollen sie aufmuntern, aber auch (ohne richtige Namen zu nennen) Informationen zu ihrer Familie weitergeben. Für Lieneke sind diese Hefte, von denen sie noch mehr bekommen wird, ein großer Schatz und helfen ihr dabei diese schwierige Zeit zu überstehen. Ich habe diese Box, in der Lienekes Hefte und eine kurze Geschichte von Lienekes Heften und ihrer Zeit in den Verstecken enthalten sind, vor einigen Jahren in einer kleinen Buchhandlung entdeckt. Jedes mal wenn ich sie durchblättere und darin lese weine ich vor Rührung. Mit Kindern über den Holocaust zu sprechen ist schwierig. Ihnen aber zu zeigen was Eltern bereit sind für ihre Kinder zu tun, das gibt auch kleinen Kindern Hoffnung.

Wir waren Glückskinder – trotz allem. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte. Michael Wolffsohn (ab 11 J.) dtv Verlag

Wir waren Glückskinder – trotz allem. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte. Michael Wolffsohn (ab 11 J.) dtv Verlag

Dass sein Enkel mehr über die Juden und Hitler wissen will, führt den Opa, der auch Professor für Neuere Geschichte ist, dazu dieses Buch zu schreiben. Dabei ist es sowohl sachgerecht als auch kindgerecht geschrieben und immer wieder mit Humor gewürzt. Eine Familiengeschichte, die die Schicksale der Familien Saalheimer und Wolffsohn stellvertretend für viele nachzeichnet. Beide können noch rechtzeitig nach Palästina fliehen, müssen jedoch alles zurücklassen und sich einem schwierigen Neuanfang stellen. Dort lernen sich die Eltern Thea Saalheimer und Max Wolffsohn kennen und lieben. 1954 ziehen sie mit den Großeltern Wolffssohn und dem kleinen Michael zurück nach Berlin. Michael Wolffsohn wendet sich an die jugnen Leser_innen und plädiert eindrücklich dafür, dass dies nie wieder passiert. Jede und jeder kann dazu beitragen.

Noch mehr Kinder-Bücher zur Shoa findet ihr beim Jüdischen Museum Berlin, unter brodtfoundation.org/de/buecher-zur-shoah und hier macht sich Harald Freiling Gedanken über Bilderbücher zum Holocaust.

BriG
Fotos (c) Titelbild Gedenkstätte Präbichl (c) Brigitte Vogt, Verlage: Insel Verlag, MORITZ VERLAG, dtv Verlag, (c) Luna Dietrich, Verlag: Jacoby & Stuart Verlag

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