Wir Eltern sind Schisserhasen

Kürzlich hab ich diese Formulierung irgendwo gelesen, als es um die Frage ging, warum Eltern ihre Kinder ungern alleine lassen. Schisserhasen, diese Formulierung hat mir gefallen. Vielleicht auch, weil ich da einen Teil von mir wiederentdecke. Einen Teil, den ich am liebsten gar nicht hätte. Hier aber kann ich ihm augenzwinkernd begegnen, vielleicht sogar ein bisschen humorvoll zulachen. Klar, ich bin überzeugt, dass Angst sinnvoll ist, ein Gefühl, das uns zeigt, wo Gefahren oder Schwierigkeiten sind, wo wir achtsam sein müssen und aufpassen sollten. Aber der Grad, dass zu viel Angst unseren Handlungsspielraum – und den unserer Kinder – unnötig einschränkt, ist schmal. Zu viel Angst um unsere Kinder, ihnen zu wenig zuzutrauen ist deswegen nicht ideal.

Warum sind wir Eltern solche Schisserhasen?

Wenn meine Eltern mit dem Auto unterwegs waren und erst spät heimkamen, stand meine ältere Schwester oft am Fenster und hielt ängstlich nach ihnen Ausschau. War wohl nichts passiert? Ich verstand das nicht: Das sind doch Eltern, denen passiert doch nichts! Leider hat sich diese meine kindliche Zuversicht im Angesicht der vielen Unfälle in meinem Umfeld nicht ohne Einbrüche erhalten lassen. Wie viele andere musste ich die Erfahrung machen, dass es kein Alter gibt, das uns vor tödlichen Unfällen oder Krankheiten sicher sein lässt. Anscheinend bin ich nicht einzige, die solche Erfahrungen gemacht hat.

Diese Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens, des Körpers, kann schon Angst machen. Besonders, wenn es um geliebte Menschen geht, die uns nahe stehen. Kein Wunder also, wenn Eltern ihre Kinder beschützen möchten, sie von schmerzhaften Erfahrungen behüten möchten. Diese gutgemeinte Sorge kann aber zu einer generalisierten Angststimmung führen und dadurch übermäßige Einschränkungen mit sich bringen. Wenn die Entscheidungen nicht mehr vom elterlichen Weitblick, sondern vom Kopfkino, was alles passieren könnte geleitet werden, dann ist es Zeit, dagegen etwas zu unternehmen. Denn zu viel Angst, sei es eine Hundephobie oder eine generalisierte Angststörung, sind Krankheiten, die behandelbar sind. Im Zweifel ist es sicher besser, einmal zu viel nach Hilfe zu fragen. Wendet euch dafür an den BÖP (Berufsverband Österreichsicher Pyscholg_innen) oder eine Familienberatungsstelle.

Wie Schisserhasen mutiger werden

Manchmal ist es auch einfach eine Dehnung: Wir Eltern müssen lernen, dass Kinder wachsen, reifen, selbständiger werden. Und wir wachsen mit ihnen – immer wieder – indem wir ihnen mehr zutrauen. Sie Sachen selbst tun lassen. Das beginnt mit der großen Rutsche, der ersten Babysitter-Stunde oder dem Kindergarten. Gut ausgewählt mit Eingewöhnungszeit beginnt dieses erste Loslassen, das Vertrauen und Zutrauen, dass die Kinder in Fremdbetreuung gut aufgehoben sind. Dass sie dort andere Regeln kennenlernen, die ihren Horizont erweitern und ihnen Anregungen bringen. Und dass sie dabei neue Freund_innen und weitere Bezugspersonen gewinnen. Ein großer Schritt ist die erste Übernachtung bei Freund_innen, wenn der Schulweg allein bewältigt wird oder es für mehrere Tage auf Schullandwoche oder ins Feriencamp geht. Doch nicht nur unsere Kinder werden selbständiger, auch wir Eltern üben damit das Zutrauen in ihre Fähigkeiten.

Mit der Pubertät beginnt der Intensivkurs

Gerade in der Pubertät, wenn die Kinder Abends unterwegs sind, wir ihre Freund_innen nicht mehr kennenlernen und sie mit Alkohol und Drogen konfrontiert sind, bekommt dieses Zutrauen noch einmal ordentlich Zündstoff. Können wir unseren Kindern zutrauen, dass sie sich zurechtfinden? Wie gefährlich ist die Welt? Was möchten wir ihnen für diesen Abschnitt an Werkzeug mitgeben, damit wir sie – guten Gewissens wenn auch mit Bauchschmerzen – loslassen können? Zutrauen, Vertrauen, Loslassen – ich finde, es bleibt spannend! Immer wieder gibt es Situationen, an denen ich lernen muss, z.B. wenn sie ihren ersten Urlaub mit Freund_innen starten oder beim Autofahren wenn der L-17 dran ist und das Kind zu schnell in die Kurve fährt.

Das schöne am Loslassen

Mein Schisserhase sitzt gemütlich im Schaukelstuhl. Je selbständiger die Kinder werden, desto schwächer wird er, irgendwie. Und manchmal springt er mich dann ganz plötzlich an. Herausforderungen gibt es noch immer genug, schließlich hab ich meine 16 jährige Tochter erst vor kurzem zum Flughafen gebracht. “Ich hab euch lieb. Bis in zehn Monaten” meint sie und geht. Sie schafft das. Und ich auch! 🙂 Schließlich bedeutet Eltern sein, Kinder auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten und sich auch über ihre Eigenständigkeit zu freuen.

BriG
Fotos (cc) Pixabay: Harald Landsrath, StockSnap, Marc Pascual, Soledad Quintero

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