Ehrenamt – Wenn Eltern ein Amt übernehmen

Vom Land kommend war ich in Wien immer wieder überrascht, wie oft hier Ehrenamt eine negative Connotation hat. Da wird leicht herablassend von Vereinsmeierei geredet und beteuert, dass man eigentlich nicht so jemand sei, der das mache. Am Land sozialisiert habe ich dazu eine ganz andere Sichtweise: Ich war immer stolz darauf, dass meine Eltern beim Roten Kreuz Dienste machten. Auch wenn das bedeutet hat, dass so mancher schöne Schitag nicht gemeinsam möglich war. Auch die Feuerwehr setzte sich aus Freiwilligen zusammen und sie übten direkt vor unserem Haus. So hab ich ein ganz anderes Bild vom Ehrenamt bekommen. Mir wurde schon früh vorgelebt, dass Zusammenleben bedeutet, sich mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten in eine Gemeinschaft einzubringen und dabei nicht immer nach Bezahlung zu fragen.

Aber macht das Ehrenamt heute und in einer großen Stadt wie Wien überhaupt noch Sinn?

Wo doch Rettung, Feuerwehr und vieles mehr berufsmäßig organisiert sind? Wir haben uns in unserem Umfeld umgehört, warum Menschen sich auch heute noch ehrenamtlich einbringen, und dabei entdeckt, dass auch und gerade Eltern das tun. Denn mit Kindern ist es manchmal ein kleiner Schritt vom Engagement zum Ehrenamt. Denn viele engagieren sich, weil sie die Welt für ihre Kinder zu einem besseren Ort gestalten möchten. Oft geschieht dies genau da, wo sie leben: Bei der Kinderbetreuung, in der Schule oder in der Freizeit.

Mitarbeit beim Gartenhofverein Planquadrat

Das Planquadrat ist eine kleine Grünoase mit Spielplatz im 4. Bezirk. Aber es ist eigentlich viel mehr als ein Spielplatz, denn es ist ein selbstverwalteter, öffentlich zugänglicher Garten. “Der Garten entstand in den 1970ern in einem stadthistorisch in Wien einzigartigen Prozess aus der Zusammenlegung und Begrünung mehrerer Innenhöfe. Dazu war das Engagement der AnrainerInnen und Gründungsmitglieder des Vereins nötig… Heute ist das Plani ein Ort, an dem Jung und Alt zusammenkommen und mitten in der Stadt frische Luft, Vogelstimmen, Kinderlachen und viel Grün genießen können.”* Da zwei Kindergruppen und ein städtischer Kindergarten angrenzen, sind hier viele Eltern mit ihren Kindern. Manche davon, engagieren sich einfach so, setzen Blumenzwiebel, rechen Laub, andere übernehmen eine Zeit lang ein Amt im Verein, wie Elisabeth.

Worum geht es bei Ihrem Projekt?
Es geht darum, das Plani als lebenswerten Ort zu erhalten. Dabei kann man sich entweder durch Kuchenspenden und Mitarbeit bei Gartenarbeiten einbringen oder indem man ein Amt im Verein übernimmt. Das sind die klassischen Ämter von Obfrau und -Stellvertretung über Kassier_in bis zu Schriftführer. Dabei muss man dann ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen. Es geht auch oft darum, all die unterschiedlichen Bedürfnisse, die auf so kleinem Raum aufeinandertreffen, wertschätzend zu behandeln und Lösungen zu finden, die passen.

Was kann jede_r einzelne tun?

Uns ist auch viel geholfen, wenn Menschen, die sich im Plani aufhalten, das Projekt als solches kennen. Das bring schon oft mehr Identifikation mit sich, wenn jemand weiß, dass das hier nicht einfach ein Park ist, sondern ein Verein, wo Menschen freiwillig und unbezahlt mitarbeiten. Also ist das darüber reden und informieren total wichtig. In die Mitarbeit beim Plani bin ich so hineingewachsen, ich komm nämlich aus dem Fundraising. Das gehts um informieren, involvieren, mobilisieren. Das kann ich und so bin ich reingerutscht. Ich bin durchs Plani gegangen und hab mit Leuten gesprochen: Wo sie sind, und was wir hier machen. Aber auch das mittragen eines freundlichen, respektvollen, achtsamen Umgangs Miteinander ist wertvoll. Und natürlich ist es auch fein, wenn mal jemand einfach mal den Besen in die Hand nimmt, Laub recht oder die Spielsachen zurück in die Sandkiste gibt.

Seit wann sind Sie ehrenamtlich aktiv?
Ich bin aus der Kindergruppe Regenbogen die Struktur gewöhnt, dass man einen Beitrag für die Gemeinschaft leistet. In die Mitarbeit beim Plani bin ich so reingerutscht, weil wir dort wohnen und die Kindergruppe ja auch dort war. Deswegen waren wir fast täglich dort. Und als mir die ehemalige Obfrau immer wieder vom Generationenwechhsel erzählt hat und die Not kommuniziert hat, da hab ich mich breittreten lassen. Als Obfrau bin ich seit 2020 dabei, den Titel brauch ich aber nicht, weil ich den Beitrag gerne leiste. Lieber wäre ich im Hintergrund geblieben, aber es braucht halt auch die Ämter im Verein, die besetzt werden müssen.

Wie können Sie das ehrenamtliche Engagement mit Familie und Beruf vereinbaren?

Meinem Mann und mir ist sehr bewusst, dass das zum Teil auch Zeit benötigt, die für die Familie wichtig ist. Aber etwas zu erhalten, das direkt vor unserer Türe liegt und uns gut tut, das ist halt auch wichtig. Und es ist auch gut, dass unser Sohn jetzt schon in der Schule ist. Die Sitzungen sind im größeren Abstand, manchmal auch online, und oft Abends, wenn mein Partner unseren Sohn beaufsichtigen kann. Das geht schon, aber oft kommt spontan etwas und da wäre es einfach gut, wenn wir mehr wären, wenn mehrere Menschen mitarbeiten würden.

Wohin sollen sich Interessierte wenden, wenn sie mitmachen möchten?
Auf der Homepage planquadrat.weebly.com erfahrt ihr, wie ihr Mitglied werden oder auch mitgestalten könnt.

Elternvertreter in der Schule

Sobald Kinder in die Schule kommen, werden Eltnern_vertreter_innen benötigt. Sie werden in der Regel beim ersten Elternabend der Klasse gewählt und sollen dann die Zusammenarbeit von Schüler_innen, Eltern und Lehrer_in begleiten. Diese Zusammenarbeit von Eltern, Lehrer_innen und Schüler_innen heißt Schulpartnerschaft. “Wie jede Partnerschaft kann auch die Schulpartnerschaft nur dann gelingen, wenn sich alle Beteiligten einbringen und gut zusammenarbeiten.”** Wenn diese Schulpartnerschaft in einer Schule gelebt wird, dann kann das die Gemeinschaft stärken und die Schule für alle verbessern. Hier beantwortet Dr. Alexander Brunner, wie er dieses Ehrenamt erlebte.

Worum geht es bei Ihrem Projekt?
Projekt ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck für mein Engagement. Ich war einige Jahre als Elternvertreter an der Schule unserer Töchter tätig. Elternvertreter_innenvereine gibt es schon seit 100 Jahren. Es ist eine Möglichkeit für unsere Kinder in einem sehr wichtigen Bereich für ihre Gegenwart und Zukunft etwas zu tun, mitzugestalten, Themen einzubringen oder auch auf Probleme aufmerksam zu machen.

Was kann jede_r einzelne tun?

Jede und jeder Einzelne_r kann im Rahmen der Schule, wo die Kinder den Unterricht besuchen, sich der Wahl als Klassenvertreter_in oder Stellvertreter_in stellen. Das bedeutet, dass man dann als Ansprechperson sowohl für Anliegen der Eltern, der Kinder als auch der Klassenvorständ_in zur Verfügung steht. Meist ist es so, dass sich da niemand dafür meldet, dabei bekommt man dadurch einen guten Einblick.

Seit wann sind Sie ehrenamtlich aktiv?
Ich war insgesamt 6 Jahre in dieser Funktion aktiv. Meist ist es ruhig abgelaufen, weil das Schulklima und die Zusammenarbeit an der Schule gut funktioniert hat. Es gab aber durchaus auch manchmal Konflikte zwischen Lehrkräften und Schüler_innen, die bei uns Elternvertreter_innen gelandet sind und wir dann versucht haben, mit Gesprächen und moderierend Lösungen zu finden.

Wie können Sie das ehrenamtliche Engagement mit Familie und Beruf vereinbaren?

Ich denke, man muss für sich selbst Entscheidungen treffen, was einem wichtig ist. Und dann muss man sich auch mit Partner_innen abstimmen. Wenn man sich einig ist, dass bestimmte Tätigkeiten, in diesem Fall das Engagement als Elternvertreter, wichtig sind , dann ist es möglich, sich dementsprechend gegenseitig freizuspielen und die Zeit zur Verfügung stellen. Wir haben das als Eltern auch abwechselnd gemacht. Beruflich war es für mich aufgrund meiner flexiblen Arbeitszeiten auch nicht so sehr herausfordernd, da ich mir erforderliche Gespräche oder Sitzungen an der Schule einteilen konnte.

Wohin sollen sich Interessierte wenden, wenn sie mitmachen möchten?
Entweder direkt an der Schule und an den_die Klassenvorständ_in oder an den jeweiligen Elternverein an der Schule direkt.

Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge ist unter der Notrufnummer 142 (ohne Vorwahl) Tag und Nacht erreichbar. Für die Anrufenden entstehen keine Kosten. Die Anrufe scheinen auch nicht in der Telefonrechnung auf. Dipl.-Päd. Carola Hochhauser schildet hier worum es geht und wie sie dazu kam.

Worum geht es bei Ihrem Projekt?
Die Telefonseelsorge Wien wird getragen von 160 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen. Die Mitarbeiter*innen sind jeden Tag im Jahr rund um die Uhr bereit, Menschen für die Dauer eines Gesprächs zu begleiten. Unter 142 sind wir für Anrufende erreichbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen wir mit ihnen über ihre Themen ins Gespräch. Dabei kommt all das zur Sprache, was sie gerade so beschäftigt, alles, was sie an- und ausgesprochen haben wollen. Für Menschen, die sich mit dem Reden schwerer tun, gibt es auch ein Angebot. Sie können mit uns über Chat -täglich von 16-23h- in Verbindung kommen. Unser Angebot ist ein offenes Ohr für Menschen in Notsituationen zu haben und für die Dauer eines Gespräches/eines Chats in Beziehung zu kommen. Und das gelingt.

Was kann jede_r einzelne tun?

Voraussetzung zur Mitarbeit bei der Telefonseelsorge Wien ist eine kostenlose, einjährige Ausbildung.

Seit wann sind Sie ehrenamtlich aktiv? Wie können Sie das ehrenamtliche Engagement mit Familie und Beruf vereinbaren
Ich bin seit 2004 Mitarbeiterin in der Telefonseelsorge. Ich war damals Mutter von 2 kleinen Kindern (3 und 1,5 Jahre) und wollte etwas Sinnvolles tun. Die Ausbildung ist berufsbegleitend und die Dienste am Telefon je nach familiären und beruflichen Ressourcen frei einteilbar. So ist das ehrenamtliche Engagement gut möglich. Für mich war die erste Zeit in der Telefonseelsorge eine gute Abwechslung zu meiner Karenz. Und es war ein Eintauchen in eine mir völlig neue Welt. Bis heute bin ich sehr berührt von den Geschichten, die die Anrufenden mit mir teilen. Unsere Kolleg*innen sind zwischen 27 und 85 Jahren alt. Sie kommen aus ganz verschiedenen familiären Hintergründen und beruflichen Bereichen, das zeigt eine gute Vereinbarkeit von ehrenamtlicher Tätigkeit, Beruf und Familie.

Wohin sollen sich Interessierte wenden, wenn sie mitmachen möchten?
Auf der Homepage telefonseelsorge.at und dann runterscrollen bis ans Ende der Seite und auf WIEN klicken.

Noch mehr elterliches Ehrenamt – Wo Eltern sich einbringen und mitgestalten

Da Zeit gerade für Eltern, die sich ehrenamtlich einbringen, oft Mangelware ist, konnten mir einige leider die Fragen nicht so ausführlich beantworten. Aber Gespräche mit ihnen haben mir aufgezeigt, wie vielseitig das Engagement ist und dass Manches gar nicht ohne ginge.

Kindergruppen

Sämtliche Kindergruppen sind in Wien als Vereine organisiert, bei denen Eltern nicht nur ehrenamtlich Funktionen übernehmen, sondern oft auch gratis das Kochen, Putzen oder Betreuungszeiten übernehmen. Auch Umgestaltungen, das Ausmalen oder anfallenden Reparaturen werden hier gemeinsam ehrenamtlich erledigt. Dafür ist oft mehr elterliche Mitsprache möglich und manche haben das Gefühl, bei dieser Betreuungsform mehr Einblick zu haben.

Kidical Mass

Bei der Kidical Mass geht es ums Fahrradfahren von und mit Kindern. Bei der Kicical Mass handelt es sich aber nicht um eine Organisation, oder eine fixe Gruppe an Organisator_innen. Vielmehr stehen dahinter ein paar engagierte Personen, und zwar hauptsächlich Eltern, die sich für kindersichere Fahrradinfrastruktur einsetzen. Dabei sind alle möglichen Fähigkeiten gefragt: Von Vernetzung und klassischer PR Arbeit, über Eventorganisation bis zum Ordner_in sein bei den Veranstaltungen.

“Die meisten Kinder fahren gerne Rad. Leider ist das in der Stadt oft nicht sicher möglich. Deshalb fahren wir als Kidical Mass gemeinsam und geschützt durch die Stadt. Die Idee der Kidical Mass orientiert sich an der Critical Mass, allerdings mit dem Fokus auf Kinder.”*** An bestimmten Tagen fahren hier Eltern mit ihren Kindern durch die Stadt und machen so auf ihre Forderungen aufmerksam. Dabei sind Erwachsene willkommen und werden auch als Ordner_innen benötigt. Die Forderungen sind der Kidical Mass sind übrigens folgende:

Lust, sich selbst ehrenamtlich zu engagieren

Naturfreunde, Sorority oder Baumpate: Hier stellen wir noch weitere Initiativen vor, bei denen ihr euch engagieren könnt. Und auf der Kinderinfo-Liste Ehrenamtlich und freiwillig aktiv sind weitere ganz unterschiedliche Möglichkeiten für Familien zu finden.

BriG
Titelbild (cc) Gerd Altmann auf Pixabay
Fotos (c) Brigitte Vogt, Kidival Mass

* Gartenhofverein Planquadrat, http://planquadrat.weebly.com, aufgerufen am 16.6.2022.
** Wissenswertes für Elternvertreter und Elternvertreterinnen, https://www.levv.at/wp-content/uploads/2014/09/Wissenswertes_f%C3%BCr_KLEV_Ausgabe_2017.pdf, aufgerufen am 16.6.2022.
*** https://www.kidicalmass.at/unterst%C3%BCtzen, aufgerufen am 16.6.2022.

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