Partizipation lernen

Ich finde, Partizipation ist ein sperriges Wort. Sperrig, hochtrabend, auch unehrlich, weil eine Zeit lang kein Konzept ohne dieses Wort eingereicht werden konnte und manchmal das, was dahinter stand, für mich nicht wirklich das war, was ich mir unter Teilhabe vorstelle. Gerade im Umgang mit Kindern. Reicht es wirklich, dass Kinder sich die Farbe einer Hose aussuchen dürfen, um von Partizipation zu reden? Sollte Partizipation nicht viel mehr Mitgestaltung bedeuten?

Partizipation – Themenkarten für Teamarbeit, Elternarbeit, Seminare

Beim Seminar „How to – Kultur der Beteiligung“ am wienXtra-institut für freizeitpädagogik bin ich über die Themenkarten von Rüdiger Hansen und Raingard Knauer gestolpert. Das sind 30 Bildkarten im A4-Format. Vorne ein aussagekräftiges, schönes Bild, hinten ein Text, der sich mit dem Thema Partizipation beschäftigt und zum Nachdenken oder Diskutieren anregt. Dabei geht es um Themen, die alltäglich sind, wobei sich vieles auf den Kindergarten bezieht. Mit ein bisschen Fantasie kann man diese Anregungen aber auch gut in den Familien-Alltag mit Kindern übertragen. So z. B.

  • Ab wann dürfen Kinder selbst entscheiden, was und wie viel sie essen?
  • Oder wann sie gewickelt werden wollen?
  • Oder wie lange sie schlafen möchten?

Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche. Janusz Korczak

Ich habe die Karten für die kinderinfo organisiert und im Raum verteilt, weil ich sie praxistauglich und anregend finde. Beim Aufhängen der Karten wurde mir wieder einmal bewusst, dass Selbstbestimmung viel früher beginnt, als manche denken. Ich hab mich an das Buch „Der kompetente Säugling“ von Martin Dornes erinnert, wo aufgezeigt wird, wie sehr auch das kleinste Baby schon den Kontakt mitgestaltet, oder an die herrlichen Bücher von Francoise Dolto, in denen gezeigt wird, wie wichtig bereits Erklärungen für Babys sind.

Demokratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen. Max Frisch

Außerdem wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass Kinder zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule Mitsprache, Mitgestaltungsmöglichkeiten, Mitentscheidung und geteilte Verantwortung kennen lernen. Demokratie lebt vom Mitdenken, Mitreden, vom Mitgestalten und Mittragen. Dass das auch nicht gleich als Vollzeitpolitker_in sein muss, dass das im Kleinen beginnt, das zeigen diese Karten. Und sie zeigen auch, dass das Potential hat, dass da viel möglich ist, wenn wir weiter denken:

  • Haben Kinder das Recht, selbst zu entscheiden, wie hoch sie auf Bäume klettern?
  • Dürfen Kinder mitentscheiden, wohin der Familienurlaub geht?
  • Haben Kinder das Recht mitzuentscheiden, wer die neue Erzieherin wird oder der neue Erzieher?

Partizipation braucht verlässliche Beteiligungsgreminen für alle.

Eine Kindergärtnerin meiner Tochter war im Programm Faustlos geschult und machte daher immer wieder Gesprächsrunden, wo ein Gefühlsstein herumgereicht wurde und alles thematisiert werden konnte, was in den Kindern vorging. Einmal kam meine Tochter nach Hause und erzählte, dass sie, als sie an der Reihe war, meinte, es ginge ihr nicht gut, weil A. und B. beim Aufräumen so wenig mithelfen würden. Das wurde dann besprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Dieses Gremium wurde auch dafür genutzt, Ausflugswünsche einzubringen oder Anschaffungen zu planen. Die Routine sowie die klare Form waren den Kindern dabei hilfreich und ganz nebenbei lernten sie, die eigene Meinung zu formulieren, Streitgespräche konstruktiv zu führen und dass es Sinn macht, mitzureden, weil man dann mitgestalten kann. Eine wertvolle Erfahrung.

  • Partizipation verlangt, Abstraktes so zu konkretisieren, dass die Kinder es verstehen können.

Demokratie lebt vom Streit, von der Diskussion um den richtigen Weg. Richard von Weizsäcker

Dafür braucht es Räume, in denen die Kinder Ernst genommen werden und man sich gegenseitig zuhört. Mitunter kann es notwendig sein,  Kindern beim Artikulieren behilflich zu sein.  Oder auch beim Herausfinden, was zählt zu unterstützen – natürlich ohne die Probleme für sie  lösen zu wollen. Spannend darüber nachzudenken, welche Regeln zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule verhandelbar sind, oder?

Partizipation beginnt in den Köpfen der Erwachsenen

Wie wir Kinder sehen und wahrnehmen, was wir ihnen zuschreiben macht einen großen Unterschied. Sind Kinder “Die kleinen Tyrannen” die erst erzogen werden müssen oder sind Kinder Expert_innnen in eigener Sache, die ein Recht auf Partizipation und Mitsprache haben? Ich finde, jeder Kindergarten sollte diese Themenkarten einmal in einer Klausur durchbesprechen, weil sie ein Weg sind, sich für Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern zu sensibilisieren. Aber auch für Eltern sind viele davon spannend. Der Familienalltag bietet genug Übungsmöglichkeiten.

BriG
Titelbild (c) wienXtra
Fotos (c) Don Bosco Medien GmbH

 

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