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Aufwachsen ohne Windeln

Die meisten von uns wachsen mit Windeln auf, manche mit Stoffwindeln, viele mit Einwegwindeln, die häufig einen großen Berg Plastik-Müll bedeuten und ewig brauchen, bis sie abgebaut sind. Nicht nur aus finanzieller Perspektive, auch vom Nachhaltigkeitsstandpunkt ist es daher ideal, wenn man möglichst oft auf Windeln verzichtet. Windelfrei, also ganz ohne Windeln auszukommen, ist dabei natürlich das Beste. Aber das ist in unserer Gesellschaft etwas Besonderes. Dabei ist es in vielen Ländern eher üblich.

Windelfrei

Letzten Winter war ich in Afrika unterwegs und habe dabei wieder einmal beobachten können, wie Frauen ganz ohne Windeln mit ihren Kleinkindern umgehen. Es hat mich beeindruckt zu sehen, wie sie stundenlag bei der Feier sitzen, Frauen und Kleinkinder, ganz entspannt mitfeiern und es passiert kein Missgeschick: Niemand macht sich an. Ich habe mich an herrliche Sommer erinnert, als meine Kinder ohne Windel draußen spielten und es sich so viel einfacher für mich als Mutter anfühlte. Daher finde ich die Idee, auch in unseren Breiten zu versuchen, ohne Windeln auszukommen, echt spannend. In der kinderinfo haben wir auch schon lange Flyer von windelfrei.at aufliegen.

Windelfrei erziehen – wie geht denn das?

Ich dachte ja, dass es vor allem mit Körperkontakt zu tun hat, aber eigentlich steht die Beziehung im Vordergrund. Denn es geht darum, dass die Bezugsperson die Signale des Kindes wahrnehmen und adäquat reagieren muss. Jedes Kind gibt nämlich ein Signal, wenn es muss. Diese Signale müssen erkannt, also quasi entschlüsselt werden. So wie man lernt, zu verstehen, wenn ein Kind Hunger hat oder auf den Arm genommen werden möchte. Die Signale können dabei je nach Kind unterschiedlich sein: Manche werden unruhig, kneifen die Beine zusammen oder suchen intensiven Blickkontakt. Ältere Babys halten häufig im Spiel inne, schauen konzentriert, sodass man ahnt, dass sich etwas tut. Im Laufe der Zeit lernen die Kinder, klarer anzuzeigen, wenn sie müssen, später mit gemeinsam entwickelten Gesten oder Geräuschen und irgendwann krabbeln sie einfach zu ihrem Töpfchen.

Wie schaut das im Alltag aus?

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(c) Brigitte Vogt

Beginnen kann man damit gleich nach der Geburt, aber es geht auch später. Die erste Schwierigkeit stellt die Kleidung dar: Es sollte Kleidung getragen werden, die schnell ausgezogen werden kann, also keine Strampler sondern Hemd/Shirt und Hose, Kleidchen oder Nachthemd. Also, im Winter, mit all den Schichten, stelle ich mir das schon recht schwierig vor, aber anscheinend gibt es auch Hosen mit Schlitz.

Sobald ein Kind das Signal gibt, werden Neugeborene z.B. übers Waschbecken gehalten oder es muss ein kleines Gefäß oder Töpfchen griffbereit sein. Nachts ist eine Bettschutzeinlage hilfreich, wobei ich gelesen habe, dass die Kinder in der Nacht seltener müssen. Ich erinnere mich, dass ich die recht zaghaften Signale meiner Kinder, wenn sie Nachts kuscheln oder gestillt werden wollten immer wahrnahm, daher kann ich mir gut vorstellen, dass ich diese Signale hätte wahrnehmen können.

Natürlich passiert am Weg zur Windelfreiheit manchmal ein Missgeschick und es geht doch etwas in die Hose. Wechselgewand muss also immer griffbereit sein. Aber das benötigt man ja sowieso bei Kindern immer. Schwieriger stelle ich es mir vor, wie ich die Babysitter- oder die Kindergärtner_innen dafür gewinnen kann. Doch wenn man die Sache entspannt und nicht perfektionistisch angeht, dann gibt es auch dafür gute Lösungen z. B. nur Teilzeit-Windelfrei zu sein.

5 Erfahrungsberichte

  • Hier könnt ihr nachlesen, welche Erfahrungen Romana mit Arthur (4,5 Monate) machte, die nicht nur auf Signale achtete, sondern auch mit Abhalten nach Gelegenheit und Zeitabständen gut zurechtkam.
  • Hilfreich fand ich auch einen Beitrag von Freya Donner, der ihren Umgang mit Windelfrei bei ihrer 2-jährigen Tochter schildert.
  • Dass es in der Realität manchmal ganz schön schwierig ist, davon erzählt Gundula in ihrem Teilzeit-Windelfrei Beitrag auf Rabeneltern.org.
  • Und Jule berichtet neben tollen Erfahrungen auch von monatelangen Abhaltestreiks und dass Windelfrei kein Supermom-Contest ist.

Vorteile

  • Man spart sich den Windelkauf.
  • Man vermeidet eine Menge Müll und tut damit uns und unserem Planeten etwas Gutes.
  • Manche Kinder reagieren empfindlich auf Windeln, bekommen Ausschläge. Die können vermieden werden.
  • Dem Kind wird nicht zuerst beigebracht, dass es seine Ausscheidungen in eine Windel zu verrichten hat, die ihm dann mit 2 oder 3 wieder abgewöhnt wird.
  • Ob und inwiefern es sich auf die Bindung oder die Körperwahrnehmung auswirkt, dazu habe ich keine Studien gefunden.

Nachteile

  • Es erfordert Aufmerksamkeit: Die Bezugsperson muss in Seh- bzw. Hörweite sein, damit es funktioniert. Dadurch wird der individuelle Bewegungsradius der Bezugsperson ohne Kleinkind kleiner.
  • Es ist zeitintensiv – besonders am Beginn.
  • Es kommt öfter mal zu einem Missgeschick.
  • Man begegnet öfter Vorurteilen, weil es nicht so üblich ist und muss da wohl einige Auseinandersetzungen und Fragen über sich ergehen lassen.

Weitere Infos…

…findet ihr im Netz  z.B. bei Top Fit oder rabeneltern.org. Die 6-fache Mama Lini Lindmayer teilt ihr Wissen windelfrei.at und bietet in Wien Seminare und Beratung an. Auf den genannten Seiten wird auf Fragen eingegangen und natürlich gibt es auch Foren, bei denen es einen regen Austausch dazu gibt z. B. bei Stillen-und -Tagen .de, bei parents.at oder bei babycenter.de.

Fazit

Schade, dass ich mich nicht früher mit dem Thema auseinandergesetzt habe, als die Kinder noch klein waren. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich das – zumindest im Sommer während der Karenzzeit 🙂 – ausprobiert hätte.

 

BriG
Fotos (c) Brigitte Vogt

 

 

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